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In der Anthroposophie haben Sterben und Tod eine weitergehende Perspektive: Der Tod ist nicht das Ende des Lebens, sondern der Übergang in eine neue Form des Daseins. Mit dieser Grundhaltung wird Palliative Care um eine wesentliche Dimension erweitert.
Die Ärztin Silke Helwig sagt: “Wir haben die Aufgabe, die Sterbenden und ihre Angehörigen vorzubereiten. Wie gestalten wir als Beteiligte unsere Beziehungen in der Sterbezeit – und wie gestalten wir sie nach dem Tod? Welchen Sinn haben diese letzten Tage oder Wochen – und welchen Sinn hat die Zeit danach?” Die Sinnfrage ist zentral, denn viele Menschen mögen in dieser Zeit des Sterbens keinen Sinn mehr sehen.
Ein Beispiel: Eine sterbende Frau wünschte sich zwei Tage vor ihrem Tod einen Diamantring. Von aussen betrachet machte dieser Wunsch keinen Sinn, doch im Leben dieser Frau hatte der Ring eine grosse Bedeutung. Silke Helwig: “Sterben kann die sinnvollste Zeit des Lebens sein. Es sind andere Werte, die eine Bedeutung bekommen als die gemeinhin bekannten.” Die Ärztin empfindet sich dabei nicht als Aussenstehende, sondern “als Teil der Schicksalsgemeinschaft, wie es die Anthroposophie definiert, in der ich einen Platz habe und in einer Beziehung stehe zum Sterbenden und zu seinen Angehörigen. Meine Funktion als Ärztin ist eine Art Brücke, die mich zu den Menschen bringt und von ihnen lernen lässt, denn sie sind mir ja auf ihrem Weg ein Stück voraus.”
Die Geschichten der Menschen, die in der Lukas Klinik sterben, sind sehr unterschiedlich. Viele Erkrankungen führen zu starken Schmerzen, denen auch mit Therapien und Schmerzmitteln kaum beizukommen ist. Silke Helwig: “Oft bedeutet Sterbebegleitung, mit ihnen und ihren Angehörigen zusammen auszuhalten, bis sich die Sterbenden entspannen und sterben können. ”Andere Patientinnen bestimmen hingegen autonom und selbstbestimmt über ihre Sterbezeit, reifen noch einmal und erleben Höhepunkte kurz vor dem Tod. Silke Helwig: “Viele Sterbende erlebe ich als hellsinnig, hellsichtig und hellhörig, nichts bleibt vor ihnen verborgen, auch mein Innerstes nicht, wenn ich ihren Raum betrete. Manches Sterbezimmer wird so zu einem Wallfahrtsort, denn Sterbende haben eine grosse innere Kraft, und ich erlebe mit ihnen viele beglückende Momente.”
Palliative Care, so wie sie in der Anthroposophie angewendet wird, kann beim Wunsch nach Suizid hilfreich sein. Auch in die Lukas Klinik gelangen immer wieder Menschen, die – meist wegen unerträglicher Schmerzen – diesen Schritt tun möchten. “Wichtig ist dann, mich in einem meist sehr langen Gespräch ganz auf die Person einzulassen, zu verstehen, warum sie so entscheiden will”, sagt Silke Helwig. In der Publikation “Sterbebegleitung – Sterbehilfe – Euthanasie” beschreibt sie in einem Beitrag eindrücklich den Fall einer Patientin, die von ihrem Suizidwunsch wegkam und friedlich sterben konnte. “Wichtig ist, durch Ohnmacht und Ratlosigkeit hindurch zu gehen, den Entscheid zu respektieren, aber auch andere Wege aufzuzeigen.”
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Silke Helwig, Ärztin an der Lukas Klinik. Fachärztin Anthroposophische Medizin, Zusatzausbildung in Biographiearbeit, Psychoonkologie und Palliativmedizin.
Aus anthroposophischer Sicht ist Suizid keine Lösung, da das menschliche Leben von übergeordneten, geistigen Kräften begleitet und geleitet wird. Das Ertragen von Schmerzen wird nicht als sinnlos betrachtet, sondern aus dem Zusammenhang mit den nachtodlichen Erlebnissen gesehen. In anthroposophischen Institutionen wird aktive Sterbehilfe deshalb unter keinen Umständen durchgeführt oder zugelassen.
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