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Umgang mit Schmerzen – zwei Beispiele

Die Schmerzen eines leidenden Menschen lassen niemanden gleichgültig. Alle empfinden mit: die Familie, Freunde, Ärztinnen und Ärzte und im Krankenhaus die Pflegerinnen und Pfleger. Aber dieses Mitempfinden ist etwas anderes als der Schmerz des Patienten. Das scheint ganz selbstverständlich, ist es aber nicht! Oft kommt es zu Verwechslungen. Björn Riggenbach schildert zwei Beispiele, die er als Hausarzt erlebt hat.

Eine Verwechslung
Die Tochter einer todkranken Patientin besuchte ihre Mutter und sah, wie sie stöhnte. Die Tochter konnte das fast nicht ertragen, derartig heftig erlebte sie die Schmerzen der Mutter. Sie verlangte dringend, dass man der Patientin eine hohe Dosis Morphin gab, damit sie “vom Leiden befreit” würde.

Die Sache tönte völlig logisch, aber sie hatte einen Haken: Die Tocher erlebte die Mutter, fragte sie aber nicht, warum sie stöhnte. Die Patientin hatte nämlich einen alten Konflikt mit ihr (es ging um die Erbschaft eines Hauses) und war in grossen Sorgen. Jedes Mal, wenn die Tocher sie besuchen kam, begann die Mutter zu stöhnen. Das Leiden der Mutter – die wir befragten – war also gar nicht körperlicher Art, und Morphin war deshalb auch nicht das richtige Mittel. Die Schmerzlinderung musste durch eine Aussprache stattfinden.

Hier ist Wachsamkeit am Platz! Es ist nämlich eine Verwechslung aufgetreten zwischen dem Schmerz der Patientin und dem Schmerz, den die Tochter empfand. Die Tochter hat sich ganz in ihre Vorstellung versenkt und hat gar nicht gehört und wahrgenommen, was in der Mutter vorging. Der Praxisalltag zeigt, dass solche Situationen viel häufiger sind, als man denkt. Als behandelnder Arzt muss ich eine neue Diagnose stellen: die des Patienten und die seines Umfeldes. Beides muss ich erkennen und zugleich nicht miteinander verwechseln.

Andere Sorgen
Ein anderes Beispiel: Ich betreute einen terminalen Krebspatienten mit Schmerzen, bei ihm zu Hause. Nicht alle Krebspatienten haben Schmerzen, aber hier war es der Fall. Gemeinsam mit seiner Frau versuchte ich, eine Vorstellung von seinen Schmerzen zu gewinnen, um sie richtig zu behandeln. Jedoch erlebte ich selbst einen Schmerz durch die Machtlosigkeit, sein Leben zu retten, und durch die Angst, ihm nicht helfen zu können. Das betraf aber gar nicht seine Situation, sondern meine. Er war nämlich von ganz anderen Sorgen geplagt: Seine 98-jährige Mutter war noch am Leben, und er hatte für sie die ganze Administration erledigt. Ich habe den Patienten darauf angesprochen. Da sagte er mir, er habe nun alles seiner Tochter übergeben, und er sei nun bereit zum Sterben. Sterben wolle er zu Hause.

Das hat mich von meinen Ängsten befreit! Ich verlor auch das schmerzliche Empfinden der Ratlosigkeit, denn die Heilungserwartungen des Patienten in mich waren wieder realistisch. Auch seine Frau, die ihn beispiellos pflegte, war damit einig. Allerdings drängten die Pflegerinnen vom Spitexdienst immer wieder auf eine Spitaleinweisung. Dies widersprach aber klar dem Willen des Patienten. Dieser – und auch seine Frau, ohne die alles nicht möglich gewesen wäre – war nämlich zu vielen Kompromissen bereit, damit ein “Sterben zu Hause” möglich war. Und so geschah es.

Im Nachhinein muss ich dem Spitexteam aber ein Kränzchen winden. Wenn auch nicht immer Verständnis, so ist doch enorm viel Hilfe eingeflossen, die die Gestaltung des Lebensendes zu Hause ermöglicht hat. Dabei wurde zum Teil auf unkonventionelle Art mehr geleistet, als zu erwarten war.

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Dr. med. Björn Riggenbach ist Hausarzt in eigener Praxis

 

www.medienbuero.ch | 04.05.12 
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