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Zuwendung und Respekt
Beispiele
Seelische Folgen

Zuwendung kann Not lindern

Aus anthroposophischer Sicht ist Suizid keine Lösung. Aber die Auseinandersetzung mit dem "Freitod" und insbesondere die Notlage, die einen Menschen zu diesem letzten Entschluss führen kann, sind ernst zu nehmen. Mit welcher Haltung kann man diesen Fragen begegnen?

Von Franz Ackermann

In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat sich der Begriff "Sterbehilfe" fundamental gewandelt. In seiner ursprünglichen Bedeutung betonte er die hilfreiche Begleitung und Unterstützung für ein  natürliches Sterben, während er heute das aktive willentliche Eingreifen in den natürlichen Lebenslauf - den selbst herbeigeführten Tod - bedeutet.

Sterbehilfeorganisationen wie Exit oder Dignitas haben viel dazu beigetragen, dass der Patientenwille heute ganz allgemein besser respektiert wird. Für manche Kranke bedeutet es eine Erleichterung, zu wissen, dass sie der medizinischen Technik und dem Krankheitsverlauf nicht hilflos ausgeliefert sind. Wer Erleichterung sucht, kann diese jedoch auch durch individuell abgestimmte pflegerische und medizinisch-therapeutische Massnahmen finden. Es zeigt sich, dass auch in schwierigsten und beschwerlichsten Lebenssituationen sinnstiftende menschliche Erfahrungen möglich sind.

Suizidgedanken können Menschen hegen, wenn ihnen ihr Leben aussichtslos und wertlos vorkommt. Sie erscheinen als ein Ausweg aus einer schweren persönlichen Krise. Suizidgedanken müssen ernst genommen werden. Sie bedeuten einen Aufschrei in einer existenziellen, ausweglosen Notlage.

Jede Art lindernder, pflegender, einfühlsamer Zuwendung ist das, was der in Not geratene Mensch braucht. Bagatellisierung der Notlage ist keine Hilfe, es braucht eine wirklich empathische Aktivität. Diese kann Not-wendend sein. Die Erfahrung zeigt aber, dass eine solche nicht immer gelingt. Es gibt keine allgemein verbindlichen Rezepte, um Menschen in schweren Krisen zu helfen. Es braucht bei jedem Menschen einen eigenen neuen Weg, der den Zugang zur Seele erschliesst. Erfahrene Helferinnen und Helfer sind in der Findung solcher Wege geübter, sicherer.

Den freien Willen respektieren
So, wie wir das Leben achten in seiner ganzen Würde, so muss auch der eigene freie Wille des Menschen im grösstmöglichen Mass respektiert werden. Rudolf Steiner ist der Schöpfer der „Philosophie der Freiheit“. Er formulierte die Grundsätze für einen ethischen Individualismus, der ganz auf der persönlichen Erfahrung und Einsicht des Menschen fusst. Anthroposophie ist dazu berufen, die Freiheit besonders hoch zu schätzen. Diese Haltung ist wegleitend für jede anthroposophisch inspirierte soziale Tätigkeit. Gewissensfragen sind ganz persönliche Fragen; sie können heute nicht mehr vom Kollektiv, von der Gesellschaft, der Familie oder der Kirche dem mündigen Menschen aufgezwungen werden. Die Gewissensstimme im Innern kann und sollte geweckt und gepflegt werden. Dies kann durch Achtsamkeit, durch Ehrfurcht oder Andacht geschehen.

Wenn in einer sozialen Einrichtung eine Selbsttötung  geplant oder durchgeführt wird, bedeutet dies ein Eingriff in die Kultur eines Hauses. Es ist notwendig, bei Suizidwilligen ins Bewusstsein zu rufen, dass ihr Handeln bei den Mitbewohnern wie bei den Betreuenden kräftige Wellen werfen kann. So macht es Sinn, wenn das Verständnis dafür in vertrauensvollem Gespräch mit dem betreffenden Menschen erarbeitet wird. Allfällige Konsequenzen im Handeln können aufgezeigt werden, zum Beispiel im Sinne einer Bitte, jedoch nicht im Sinne absoluter Verbote. Moralisierende Verbote sind bei mündigen Menschen nicht angemessen.

Die Beteiligung am Vollzug des Suizids ist für spirituell strebende Menschen allerdings unvorstellbar. Wenn ich im Suizid keine hilfreiche Handlung sehe, kann ich meine Beteiligung daran auch nicht verantworten.

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Franz Ackermann ist Präsident der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz und Leiter eines Alters- und Pflegeheims im Kanton Zürich.

Kernfragen

Um zu einer eigenen Haltung zu kommen, können die folgenden Kernfragen hilfreich sein:

  • Ist Suizid ein Ausweg aus individueller Not?
  • Ist der Freitod eine wirkliche Befreiung?
  • Wie kann unheilbar kranken Patienten mit starken Schmerzen geholfen werden?
  • Wie kann die Menschenwürde gewahrt werden?
  • Haben Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte des Patienten Grenzen?
  • Ist es Aufgabe der Gesellschaft, den Suizid auf jeden Fall zu verhindern?
  • Was ist die richtige Entscheidung für mich?

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www.medienbuero.ch | 24.07.12