Schmerzen und ihre Behandlung gehören zu den zentralen Fragen der Sterbebegleitung. Sie treten bei nahezu allen Patienten auf. Oft haben Patienten Angst, sich mitzuteilen. Und die Angehörigen haben Angst, hilflos zu sein. Dialog ist deshalb unerlässlich. Nachteilig wirken sich Vorurteile, Tabus und Ängste aus.
Von Björn Riggenbach
Schmerzen annehmen? Die Frage ist doppelter Natur. Erstens ist sie vom betroffenen Patienten selber zu beantworten. Niemand ist verpflichtet, Schmerzen auszuhalten. Niemand muss im Stillen seine Schmerzen ertragen, wenn er nicht will. Jeder hat die Freiheit, seine Schmerzen behandeln zu lassen und sollte den nötigen Zugang zu den Informationen haben, die eine Schmerztherapie in die Wege leiten können. In meiner Praxis hat sich noch nie eine Situation ergeben, die nicht mit Schmerzmitteln behandelt werden konnte. Im Klartext: Es gab noch nie unerträgliche Schmerzen. Die Schmerzforschung ist heute derartig fortgeschritten und die Mittel sind derartig potent, dass eigentlich alle Schmerzen behandelt werden können.
Entscheidung liegt beim Patienten
Dagegen besteht die Freiheit des Patienten auch im umgekehrten Sinn: Möchte ein Patient seine Schmerzen ertragen, so soll er das tun dürfen. Auch dies ist ein Auftrag an mich: seinen Willen auch jetzt zu beachten. Und wiederum: Noch nie ist mir ein Patient begegnet, der unerträgliche Schmerzen ertragen wollte. Es war immer eine Frage der Stärke, und oft konnte dann eine Art von Linderung gefunden werden. Solange er die Schmerzen annehmen oder sogar aushalten kann, darf er das tun und muss sich nicht bevormunden lassen, weder durch Ärzte, Pflegerinnen noch durch Angehörige. Er kann beraten werden, doch die Entscheidung liegt bei ihm.
Mit-aushalten kann schwierig sein
Der zweite Aspekt des Schmerzen-Annehmens liegt bei den Betreuern. Nimmt der Patient Schmerzmittel an, dann empfinden auch Angehörige und Pflegende die Erleichterung mit. Anders ist es, wenn der Patient den Schmerz aushalten will. Dann muss auch sein soziales Umfeld die Kräfte entwickeln, ihn zu begleiten im Mit-aushalten. Und dies kann wirklich schwierig sein. Durch Gespräche können oft Verständnis und Toleranz, Empathie und echtes Mitleid – mit dem Leidenden nämlich, nicht mit sich selbst – angesprochen und entwickelt werden. Dann entsteht die Fähigkeit, den Patienten in seinem Sinn und Willen zu begleiten.
Zum zweiten Aspekt des Schmerzen-Annehmens gehören aber auch die Schmerzen der Angehörigen und Begleiter selbst. Als Begleitender können in mir schmerzliche Erlebnisse entstehen. Mit dem Patienten haben sie nicht unmittelbar zu tun. Ich achte besonders auf jene Empfindungen, die zu mir gehören und unterscheide sie von den seinen. Folglich merke ich auch, wenn es sich um mein Problem (und nicht um seines) handelt, und sollte mich davor hüten, mein Problem auf ihn zu projizieren. Ich muss insbesondere beachten, dass ich nicht durch eine Verwechslung in den Irrtum verfalle, aus meinem Leiden heraus zu fordern, dass der Patient anders behandelt werde – damit ich dann weniger leide. Solche Situationen kommen häufig vor. Deshalb sind sie hier erwähnt.
Offenheit und Dialog
Schmerzen annehmen? Die Frage ist komplex und kann auch nicht einfach beantwortet werden. Die Antwort heisst: Aufmerksamkeit und Dialog. Augen und Ohren öffnen, sich austauschen mit allen Beteiligten, aber zuerst mit dem Patienten selbst. Und wahrnehmen, was der andere, was ich selbst empfinde, und darüber sprechen. Wünsche und Ängste erforschen, um Tabus zu vermeiden. Und noch einmal: Sprechen darüber.