Hinter dem Wunsch, das eigene Leben zu beenden, stehen unterschiedliche Beweggründe und Lebenssituationen. Wie gehen Pflegende und Heimverantwortliche damit um? Franz Ackermann schildert zwei Beispiele aus seiner Erfahrung als Heimleiter eines nicht anthroposophischen Alters- und Pflegeheims.
Letzter Ausweg
Frau L. trat mit einer ärztlichen Diagnose ins Heim ein, die ihr nur mehr eine zeitlich beschränkte Lebenserwartung zusprach. Sie entschloss sich, Mitglied von Exit zu werden – “für alle Fälle”. Sie verfasste ihre Patientenverfügung. Es war ihr wichtig, mit anderen über die Fragen rund ums Sterben sprechen zu können, ernst genommen zu werden. Der Suizid war nie das Ziel. Jedoch eine Perspektive als letzter Ausweg. Sie war eine sehr aktive Person und wurde durch ihr menschliches Engagement bald zu einer tragenden Kraft bei der Gestaltung der Heimkultur. Ihre Sozialkompetenz war beachtlich. Sie begleitete Mitbewohner, oft auch auf dem Weg zum Sterben. Sie nahm Abschied von Verstorbenen. Ihr eigenes Sterben bereitete sie bis in viele Details vor. Öfter erlitt sie schwere Zeiten der Krisen mit gesundheitlichen Einbrüchen. Einmal schien sie ganz nahe an die Todesschwelle zu gelangen. Viele Anzeichen deuteten auf den nahen Übergang. In diesem Schwebezustand bat sie darum, alle stützenden Massnahmen abzubrechen. Sie verabschiedete sich von Heimbewohnern und Mitarbeitern und wartete ergeben auf den Tod. Sie wurde nach den Grundsätzen der Palliativpflege betreut.
Doch nach wenigen Tagen regten sich ganz unerwartet erneut die Lebensgeister. “Jetzt will ich wieder leben!”, sagte sie und bat darum, sie entsprechend zu begleiten und zu pflegen. Erst 1 ½ Jahre später starb sie eines natürlichen Todes.
Gegenseitiger Respekt
Herr A. kam mit einer Behinderung ins Heim, die ihn beim Gehen stark einschränkte. Er war ein heller, klarer Kopf. Er liebte anregende Gespräche zu den verschiedensten Themen. Er war gebildet. Seit einiger Zeit war er Mitglied bei Exit, überzeugt davon, dass er, wenn es an der Zeit sei, seinem Leben selbst ein Ende setzen werde. Er schien nicht in einer seelischen Notlage zu sein, jedoch beflügelt von einer ganz bestimmten Idee, der Idee der Selbsttötung.
Herr A. lebte längere Zeit gesellig und umgänglich im Heim. Eines Tages eröffnete er der Pflegeleitung, dass nun die Zeit näher komme, wo er mit Hilfe von Exit seinem Leben ein Ende setzen wolle. Sein Anliegen wurde nur im Kaderteam besprochen. Es löste starke Betroffenheit aus. Wir führten viele Gespräche mit ihm, gingen auf sein Anliegen ein, versuchten, seine Motive zu verstehen. Es war uns völlig klar, dass wir uns in keiner Weise an diesem Vorgang beteiligen wollten und durften. Wir hatten die Empfindung, dass ein Suizid innerhalb des Heims starke Erschütterungen bewirken würde. Wir als Betreuende und Pflegende sind für die Begleitung zu einem natürlichen Tod geschult und vorbereitet. Wir müssen unsere Anstrengungen auf diesem Feld verstärken und verbessern, sozusagen die liebevolle Zuwendung steigern. Das schien uns der einzige Weg, den Patienten von seinem Vorhaben abbringen zu können. Verbote kamen für uns nicht in Frage. Wir teilten dem Patienten auch unsere Sorgen in bezug auf die Mitbewohner/innen mit. Wir baten ihn, falls die Tat unumgänglich sei, diese ausserhalb des Heimes zu vollziehen. Trotz starker Bemühungen verfolgte der Patient zielgerichtet seinen Sterbewunsch. Er respektierte die Sorgen der Heim- und Pflegeleitung und plante den Vollzug mit Hilfe der Exit-Begleiter ausserhalb seiner Wohnung.
Nach seinem Sterben veranstalteten wir im Heim Gesprächsrunden mit Heimbewohner/innen, in denen wir das Geschehene besprachen und sie baten, sich zu den ethischen Fragen der Heimkultur zu äussern. Die meisten schätzten unsere Haltung sehr. Andere meinten, Offenheit und Toleranz gegenüber Sterbewilligen müssten noch grösser sein. Wenn das Heim tatsächlich Heim-Stätte der Bewohner sei, müsste der Freitod auch im eigenen Haus zugelassen sein, wie bei jedem anderen Bürger. Dass die Begleitung zum natürlichen Sterben immer im Vordergrund stehen muss, war selbstverständlich.