Was sind die Aufgaben des Arztes/der Ärztin in der Sterbebegleitung? Was können Betroffene und Angehörige erwarten? Auf diese Fragen antwortet der Arzt Stefan Obrist.
An der Sterbebegleitung sind oft mehrere Personen beteiligt – Pflegende, Arzt/Ärztin, Therapeuten, Seelsorger/in, Angehörige und die betroffene Person selber. Was ist für Sie als Arzt die wichtigste Aufgabe in diesem Team?
Vom Arzt, von der Ärztin wollen der Patient oder die Patientin, aber auch alle andern Beteiligten wissen, wie gross die Chancen sind, ob noch Hoffnung besteht, wie lange es noch dauert etc. Der Arzt hat also einerseits die Aufgabe, die Situation zu beurteilen. Der Arzt ist andererseits aber auch derjenige, von dem man wissen will, was therapeutisch (noch) gemacht werden kann oder soll. Je nach Eigenaktivität des Patienten ist der Arzt in dieser Beziehung dann derjenige, der die Therapie führt, der zu einer bestimmten Therapie rät oder auch nur dem Patienten die verschiedenen therapeutischen Möglichkeiten aufzeigt.
Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe gegenüber dem/der Sterbenden?
Ich sehe mich als Begleiter, der dem Patienten hilft, seinen eigenen Weg zu finden. Ich sehe es bis zum Schluss als meine Aufgabe an, dem Patienten eher zu raten und ihm nicht etwas aufzuzwingen (auch nicht etwas, von dem ich meine, dass es ihm gut täte). Dass ich ihn also bis zum Schluss als mündige Person respektiere. Je weniger der Patient selber bei Bewusstsein ist, desto wichtiger wird in dieser Hinsicht der Einbezug der Angehörigen.
Was ist Ihre Rolle gegenüber den Angehörigen?
Je nach Situation ist eine intensivere Begleitung der Angehörigen natürlich auch schon in einer früheren Krankheitsphase wichtig, oft auch schon ganz zu Beginn der Erkrankung. Auch hier ist der Arzt die Person, von der man wissen will, wie es steht und welche Möglichkeiten es weiter gibt.
Was unterscheidet ärztliches Handeln in der Sterbebegleitung von Ihrer übrigen Tätigkeit?
Ich glaube nicht, dass es prinzipielle Unterschiede gibt. Therapeutisch bin ich bei Sterbenden in der Regel zurückhaltender, aber insgesamt ist es dasselbe: ich begleite den Patienten auf seinem Weg, unterstütze ihn, lasse ihn aber wenn möglich den Weg selber gehen und übernehme die Führung dann, wenn der Patient dazu nicht in der Lage ist. Das gilt für Situationen, die zum Tode führen und auch für solche, die nicht zum Tode führen.
Wie und wann sagen Sie einem Patienten, einer Patientin, dass er oder sie unheilbar krank ist? Sobald die Diagnose vorliegt? Wenn Sie gefragt werden? In Anwesenheit von Angehörigen?
So wie es in der Frage angesprochen ist, sage ich es eigentlich nie. Ich weiss ja tatsächlich auch nie mit vollständiger Sicherheit, ob etwas unheilbar ist. Es kann in jeder Situation Überraschungen geben, positive und negative. Ich sage deshalb dem Patienten, der Patientin oder den Angehörigen in diesem Stadium etwa, dass es statistisch betrachtet schlecht aussieht, dass z.B. Heilungen in einer solchen Situation nur ganz selten vorkommen. Oder dass eine Heilung fast ein Wunder wäre. Dass aber Wunder vorkommen. Aber auch, dass Wunder selten sind, dass man höchstens auf sie hoffen, aber sicher nicht mit ihnen rechnen kann.
Aus der Erfahrung kann ich sagen, dass jeder Patient wissen will, wie es um ihn steht. Das erstaunt mich nicht, ich möchte das auch wissen, wenn ich von etwas selber betroffen bin. Deshalb gebe ich jedem Patienten, der mich fragt, eine ehrliche authentische Auskunft und achte darauf, dass es in einer Sprache geschieht, die der Betroffene verstehen kann. Denjenigen Patienten, die nicht danach fragen, sage ich zumindest, dass sie sich in einer sehr ernsthaften Situation befinden, in der es um Leben und Tod geht. Ob Angehörige bei solchen Gesprächen dabei sind, lasse ich die Patienten entscheiden, wenn sie dazu noch in der Lage sind.
Was ist Ihnen in der Sterbebegleitung besonders wichtig?
Entscheidend ist für mich, dass man nicht nach einem Schema vorgeht, sondern so gut wie möglich versucht, das Vorgehen der vorliegenden Situation anzupassen.